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Mein Orgasmus gehört mir!

„Sagen Sie mir, bin ich normal?“ Die quälende Frage der Frau stand im Zusammenhang mit ihrer Sexualität, die sie bislang als eingeschränkt erlebt hatte. „Woran würde denn ein Liebhaber Ihre Einschränkung erkennen?“, fragte ich neugierig und behutsam zurück. „Der würde in der Regel gar nichts merken“, meinte sie spontan. „Wissen Sie, ich kann gut schauspielern.“ Nach ein paar stillen Atemzügen hakte ich nach, ob sie sich auch selbst befriedige. Sie gab sich einen inneren Ruck und antwortete dann offen: „Wenn ich meine Klitoris stimuliere, komme ich in der Regel leicht zum Orgasmus. Aber vaginal, das heisst mit einem Mann, will es einfach nicht klappen.“ Jetzt glaubte ich den Zusammenhang zu verstehen: „Heisst das, dass Sie sich – während Sie Sex mit einem Mann haben –, insofern einschränken, als Sie sich nicht erlauben, selbst zusätzlich Hand an Ihre Klitoris zu legen?“

Die Motivation von Frauen, sich ihre Sinnesfreuden wie dargestellt einzuschränken, ist Folge eines Irrglaubens. Eine unsägliche Theorie besagt nämlich, dass nur ein vaginaler Orgasmus ein „reifer“ Orgasmus sei. Über Jahrzehnte haben sich Frauen deshalb für ihre klitorale Lust geschämt und geglaubt, dass erst ein Orgasmus durch Penetration sie zu „richtigen“ Frauen machen würde. Tatsächlich „kommen“ aber viele Frauen erst durch die (zusätzliche) Stimulation der Klitoris. Und daran ist überhaupt nichts verkehrt.

Die Klitoris dient nichts anderem als der weiblichen Lust. Nirgends im menschlichen Körper finden sich so viele Nervenenden wie in der Klitoris, fast doppelt so viele wie im Penis. Maggie Tappert, eine anerkannte Expertin auf dem Gebiet der weiblichen Sexualität, schreibt dazu in einem Artikel: „Es liegen Welten zwischen dem Mitteilen unserer Wünsche und der Erwartung, dass der Partner es uns ‚besorgt’. Viele Frauen nehmen an, dass der Partner für ihren Orgasmus verantwortlich sei. Sie glauben, dass die Qualität ihrer Beziehung davon abhängte, ob er merkt, was sie braucht, um zu kommen.“ Ihr Orgasmus gehört also Ihnen, liebe Leserinnen. Und selbstverständlich gilt das sinngemäss auch für uns Männer, liebe Leser.

Ich teile die Meinung von Frau Tappert: „Die Voraussetzung für ein lustvolles sexuelles Erlebnis ist mein inneres ‚Ich will’ und die Bejahung dessen, was ich bin und was meine erotischen Wünsche sind.“

Und wenn ich dies alles schon vor dreissig Jahren realisiert hätte? Wenn ich heute daran denke, dass Frauen auch in meinem Leben beim Sex geschauspielert haben könnten, nicht zuletzt auch, um mein Selbstwertgefühl zu stärken, spüre ich wieder meine alten Versagensängste aufkommen. Und ich lerne, auch dazu Ja zu sagen…

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