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Desillusion inklusive

An dieser Stelle habe ich vor ein paar Wochen behauptet, es sei verhängnisvoll zu glauben, der Partner könne einen tief im Herzen umfassend begegnen. Wir Menschen stünden viel mehr vor der Herausforderung, das Alleinsein anzunehmen. Daraufhin hat mir eine Frau geschrieben. Sie fragt: „Was verstehen Sie unter ‚umfassend’? Sehe ich es falsch, wenn ich von meinem Partner angenommen, respektiert und verstanden werden möchte?“ Weiter schreibt sie: „Er kann mich auf der Gefühlsebene nicht abholen und ich frage mich, ob ich von dieser Beziehung zu viel erwarte. Was ist erfüllbar in einer Beziehung? Mache ich mir Illusionen?“

Und so habe ich geantwortet: „Liebe Frau Z. Bei der Geburt und der Abnabelung von der Mutter macht das Kind eine schmerzliche Erfahrung: Es wird auf sich selbst zurückgeworfen. Damit beginnt ein lebenslanger und manchmal leidvoller Lernprozess: Wir müssen Heimat in uns selbst finden. Deshalb vertrete ich die Ansicht, dass das Alleinsein und Gefühle von Einsamkeit grundlegend zur menschlichen Existenz gehören. Hinter diesen Gefühlen steckt eine tiefe Sehnsucht nach Ungetrenntsein, Angenommensein und Gemeintsein.

Diese Sehnsucht ‚transportieren’ Männer wie Frauen in die Beziehung. Unbewusst richten wir den Wunsch an den Partner, er oder sie möge uns umfassend begegnen und den alten Trennungsschmerz heilen. Das ist zwar menschlich, trotzdem überfordern wir die Beziehung an dieser Stelle heillos. Ihr Partner kann Ihnen diese Sehnsucht nicht stillen, da er seinerseits ein Bedürftiger ist. Sie kommen deshalb nicht umhin, selber in den Spiegel zu schauen, um die Antwort in Ihrem Innern zu finden. Sind Sie bereit, sich selber zu respektieren und ganz anzunehmen? So, wie Sie sich das von Ihrem Partner wünschen? Erfüllen Sie Ihre Bedingungen, geliebt zu werden?

Sie fragen, was erfüllbar ist in einer Beziehung. Nicht alles. Wie so manches im Leben sind auch die Möglichkeiten in einer Beziehung begrenzt. Der Schweizer Mystiker Pierre Stutz spricht von der ‚Würde der Unvollkommenheit’. Diese Begrenztheit können Sie dadurch akzentuieren, indem Sie möglichst hohe Anforderungen und Erwartungen an Ihren Partner stellen. Soll er Sie glücklich machen und das auf hohem Niveau? Wenn das Ihr Ansinnen ist, und das sage ich Ihnen mit einem liebevollen Augenzwinkern, dann droht Schiffbruch. Es ist nicht die Aufgabe Ihres Partners, Ihre Erwartungen zu erfüllen.

Wenn sich zwei Partner intensiv mit ihrer Beziehung auseinandersetzen, dann kann am Ende auch ein Gefühl von Nüchternheit zurückbleiben. Ich erwähne das mittlerweile schon im Erstgespräch, indem ich auf die Risiken und Nebenwirkungen einer Paarberatung aufmerksam mache: Vorsicht, Sie könnten desillusioniert werden.

Ich schliesse mit einem Paradox in der Liebe: Je mehr Heimat wir in uns selbst finden und je mehr wir uns mit unserer Sehnsucht nach Angenommenwerden annehmen, desto eher können wir dem Anderen in seinem Anderssein offen begegnen. Dann können wir – in speziellen Momenten – tiefe Liebe, Intimität und die Schönheit am Menschsein erfahren. Die Beziehung schuldet uns diese ‚magic moments’ aber nicht. Wir können sie auch nicht erzwingen, dafür kenne ich kein Verhaltensrezept. Es handelt sich viel mehr um Geschenke, die uns im Leben widerfahren. Deshalb spreche ich von Gnade.

  1. rafhara
    September 27, 2011 um 10:22 | #1

    Schön Stefan, wie du das beschreibst. Es ist die Gnade, die uns dies erfüllt oder nicht und eben es ist auch Gnade, WIRKLICH zu erkennen, dass die Sehnsucht unerfüllt, unvollkommen bleiben kann und dass NICHTS falsch daran ist. Was für eine Entspannung!! Ich habe es ganz tief erfahren, als ich mich von Freundinnen umzingelt sah, die keinen Beloved haben. Alle in Ihrer Sehnsucht richtig körperlich geliebt zu werden und gemeint zu sein. so ungeführt 8 grosse Spiegel in meinem Alltag. Ich als Gegenstück eine Beziehung mit viel Nähe und Liebemachen und in mir die RIESENGROSSE Sehnsucht Raum für mich, meine Kreativität, meine Stille zu haben und etwas in unserer Beziehung, dass dies in dem Masse, ich es brauchen würde – verhindert. Also finde ich mcih vor mich danach zu sehnen, dass mein Mann mir Freiraum gibt, und dass ich mich erst dann richtig tief geliebt fühlen würde, wenn er dies zulassen würde. Also ich habe eine unerfüllte Sehnsucht, ich muss mich paradoxerweise mit dem ungelibt-sein-gefühl rumschlagen und genau dies würden meine Freundinnen (im Moment das gefühl von tief geliebtsein geben) und meine Sehnsucht wird in meiner Beziehung vielleicht nie erfüllt, wie diejenige meiner Freundinnen…….es ist Gnade, die uns dazu führt, es ist nicht damit getan, dass ich dies erfrage und es geschieht dann. Es ist unglaublich, was Nähe und Intimität, Leidenschaft und Sehnsucht uns lehrt. Ein ewig geheimnisvoller Tanz.

  2. September 27, 2011 um 10:36 | #2

    Liebe Rafhara, vielen herzlichen Dank für dein Teilen … “WIRKLICH zu erkennen, dass die Sehnsucht unerfüllt, unvollkommen bleiben kann und dass NICHTS falsch daran ist. Was für eine Entspannung!!” Ich übe es jeden Tag. Mit einer liebevollen Umarmung grüsst Stefan

  3. deaix
    Oktober 12, 2011 um 13:39 | #3

    Danke für diesen Post!

    • Oktober 12, 2011 um 17:10 | #4

      Gerne! Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit und Deine Wertschätzung. Herzlich grüsst Stefan

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